Der wichtigste Punkt für die Tourenplanung im Piemont: Viele der berühmten Hochstraßen sind unbefestigt. Reine Schotterpisten (sterrato) sind die Auffahrt zum Colle del Sommeiller (rund 2.990 m), die Strecke zum Monte Jafferau, die Strada dell'Assietta (rund 34 Kilometer Gratstraße) sowie die oberen rund acht Kilometer des Colle delle Finestre. Diese Strecken sind ausschließlich etwas für Enduros und Reiseenduros, nicht für Straßentourer. Der Mont Chaberton (3.131 m) an der französischen Grenze ist für Kraftfahrzeuge gesperrt und teils durch Erdrutsche zerstört – er ist kein befahrbares Ziel, sondern nur zu Fuß oder mit dem Mountainbike erreichbar.
Was das Piemont von den übrigen Alpenregionen abhebt, ist nicht die Zahl seiner Übergänge, sondern der Bestand an hochgelegenen, unbefestigten Trassen, die bis heute mit dem Motorrad befahrbar sind. Die Auffahrt zum Colle del Sommeiller durch das Rochemolles-Tal hinter Bardonecchia, die Bergstraße auf den Monte Jafferau und die Assietta-Kammstraße sind keine ausgefahrenen Feldwege, sondern gebaute Militärstraßen. Sie haben eine gleichmäßig kalkulierte Steigung, Trockenmauern als Stützkörper, in den Fels gesprengte Kehren und am Rand die Reste von Kasernen, Batteriestellungen und Bunkern der alten Grenzbefestigung. Angelegt wurden sie für Maultierkolonnen und Lastwagen — daraus ergibt sich ihr Charakter: lange, planbare Rampen statt kurzer Rampenstücke, ausreichend Breite für Gegenverkehr an den meisten Stellen, dazu vereinzelt unbeleuchtete Tunnelstücke und Galerien.
Fahrerisch verlangen sie mehr, als die Bilder vermuten lassen. Der Belag wechselt binnen weniger Kilometer zwischen fest gefahrener Schotterdecke, losem Feinmaterial am Kehrenausgang, Waschbrett auf den Geraden und ausgespülten Rinnen nach Starkregen. Quer eingebaute Wasserableiter kommen ohne Vorwarnung, Altschneefelder halten sich in den Nordkehren bis weit in den Sommer, und Steinschlagmaterial liegt oft genau dort, wo der Fels über die Fahrbahn hängt. Wer hier sauber fährt, arbeitet mit dem Blick weit voraus, mit gleichmäßigem Gas und aus dem Stand auf den Rasten — Bremsmanöver in der Kehrenmitte quittiert loser Schotter mit einem wegdrückenden Vorderrad. Bergab hilft der niedrige Gang mehr als jede Bremse.
- Gewicht und Beladung: Eine große Reiseenduro mit vollen Koffern ist auf engen Spitzkehren am Limit. Wer die Kammstraßen als Tagesziel fährt, lässt das Gepäck im Tal.
- Bereifung: Straßenreifen funktionieren auf festem Untergrund, versagen aber im losen Material und auf nassem Lehm. Grobstolliges Profil erweitert den Spielraum spürbar.
- Reichweite: Oberhalb der Talorte gibt es keine Tankstellen. Getankt wird unten, vor dem Anstieg — Umwege und Wendemanöver kosten mehr Sprit als geplant.
- Andere Nutzer: Geländewagen, Mountainbiker, Wanderer und Weidevieh teilen sich dieselbe Spur. Auf Kammstrecken ohne Leitplanke ist die Ausweichstelle das entscheidende Detail, nicht das Tempo.
Der Sommeiller endet an einem Gletscherplateau, das Motorrad muss dieselbe Strecke zurück. Das ist typisch für dieses Revier: Viele der lohnendsten Schotterziele sind Stichstrecken, keine Verbindungen. Wer sie in eine Runde einbaut, plant die Rückfahrt als vollwertigen zweiten Teil der Etappe.